…Mark Exupéry

Eine künstliche Stimme durchdrang die Stille und hieß Mark an diesem neuen Tag willkommen.
«Es ist Donnerstag, der sechste Februar. Die Temperatur beträgt 24 Grad Celsius bei vereinzelter Bewölkung. Regen ist für heute nicht geplant.»
Verkündete sie sachlich. Mark öffnete seine Augen und blickte in sein Schlafzimmer, das Teil seiner recht überschaubaren Wohnung am Fuße des Berliner Spacelifts war. Der stämmige Mann erhob sich und begab sich in die Küche, wo bereits ein Kaffee im Grower auf ihn wartete. Seine Wohnung war spartanisch eingerichtet und zeigte wenig persönliche Dekoration. Dies war größtenteils darauf zurückzuführen, dass Mark mehr Zeit auf der Gerudostation als auf der Erde verbrachte. Vor dem Upgrade war er maßgeblich daran beteiligt gewesen, die Realizsa mitzuentwickeln. Als erfahrener Pilot, der keine Risiken scheute, war er ein geschätzter Ratgeber für die Konstrukteure und trug stets konstruktive Kritik bei. Doch nun lag eine Bedrohung über der Erde in Form einer Anomalie. Aus diesem Grund war an diesem Tag eine Besprechung angesetzt, um die Zukunft der Realizsa zu diskutieren. Mark erinnerte sich daran, als er genüsslich seinen Kaffee trank und die Meldungen des Tages durchsah. Obwohl die Stimme, die ihn erinnerte, einen gewissen Zeitdruck zu vermitteln schien, blieb Mark gelassen. Die Besprechung würde im selben SpaceLift stattfinden, in dem er sich bereits befand, nur einige hundert Stockwerke höher. Vor dem Aufbruch widmete er sich einer ausgiebigen Körperpflege, insbesondere seinem dichten, braunen Bart.
«Sag Bescheid, dass ich unterwegs bin.»
Sprach Mark, während er seine Bauchtasche umschnallte. Er musste nicht nach draußen gehen; er hatte sowohl einen Zugang direkt in das riesige Gebäude als auch einen Weg ins Freie, genauer gesagt, einen Balkon vor seiner Wohnung. An diesem angeschlossen gab es einen Weg, der an der Fassade des Spacelifts entlangführte. Durch den konischen Aufbau der Liftgebäude hatte jeder Bewohner einen freien Blick gen Himmel. Manche hatten sogar einen kleinen Wald vor ihrer Tür angelegt. Die innenliegende Wohnungstür öffnete sich mit einem Zischen, als Mark sich näherte und er betrat einen Gang, dem er bis zu einem Aufzug folgte. Einige Menschen waren bereits unterwegs. Jeder ging seinem Tagewerk nach: Die einen führten Geschäfte oder Restaurants im Zentrum des Lifts, während andere mit Wartungsarbeiten beschäftigt waren. Ein derart imposantes Gebäude erforderte viel Pflege, um es in gutem Zustand zu halten, wobei die meisten Aufgaben von Maschinen erledigt wurden. Selbst nach dem katastrophalen Upgrade hatten die Menschen den Maschinen nicht vollständig den Rücken gekehrt, jedoch überwachten sie diese nun kritischer. Mark verließ den Aufzug im 314. Stock. Der Gang, den er betrat, sah genauso aus wie auf seiner Ebene; der einzige Unterschied lag in der Farbe der Wände. Auch die indirekte Beleuchtung am Boden hatte eine andere, fabelhafte Note. Der Raum, den Mark betrat, war langgezogen und hatte einen großen Tisch in der Mitte mit Stühlen umringt. An der Front des Raumes befand sich ein großer Bildschirm, der nicht nur Präsentationen zeigte, sondern auch höhere Stellen aus Atlantica zuschaltete. Einige Teilnehmer des Meetings waren bereits anwesend.
«Guten Morgen zusammen!»
Begrüßte Mark die anderen und nahm Platz. Nach und nach trafen weitere Teilnehmer ein, Physiker aus verschiedenen Bereichen sowie Ingenieure, jeder ein Experte auf seinem Gebiet. Der Leiter der Besprechung erschien auf dem Bildschirm und begrüßte alle:
«Guten Morgen zusammen! Wir entscheiden heute über die Zukunft des LS-Antriebes und besprechen etwaige Alternativen.»
Es war Richard Gilmore, der Leiter des Instituts für Antriebstechnik. Alle Teilnehmer wurden vorgestellt, darunter Samantha Carter, Experimentalphysikerin, John Smith, Quantenmechanik, Dennis Farbien, Ingenieur für Antriebstechnik, und Margarete Schuster, leitende Physikerin des Raumfahrtforschungsinstituts. Auf Margarete beruhten die Berechnungen für den LS-Antrieb.
«In euren Unterlagen findet ihr alle Dokumente, die den Antrieb umfassen, darunter auch die Dissertation von Margarete.»
Fuhr Richard fort. Jeder war mit der Dissertation vertraut, der Sensation vor elf Jahren. Die Möglichkeit, entfernte Sterne in kurzer Zeit zu erreichen, hatte damals die Welt in Aufregung versetzt. Die Theorie dahinter war komplex, aber vereinfacht könnte man sagen: Die Lasergondeln der Realizsa erzeugten mit ihren Strahlen einen Korridor in der Raumzeit, durch den das Schiff reisen konnte. Das Schiff wurde gewissermaßen auf eine Dimension reduziert, nur so konnte sich Masse mit Lichtgeschwindigkeit fortbewegen.
«Doch es gibt ein Problem. Die Verbindung der Gondeln mit dem Schiff ist instabil!»
Erläuterte Samantha kurz das Ergebnis ihrer Experimente. Sie sah Mark an und fuhr fort: «Dass die Realizsa vor zwei Jahren den Flug zum Mars geschafft hat, war ein reiner Glücksfall, auch bedingt durch die kurze Distanz. Aber in den Experimenten, die wir im letzten Jahr durchgeführt haben, rissen die Gondeln immer wieder ab, insbesondere bei größeren Distanzen, die über den Mars hinausgingen.»
«Wohl eher, dass wir den Zwischenstopp bei der Sonne gemacht hatten!»
Vervollständigte Mark Samanthas Ausführungen. So diskutierte man über die nächsten Stunden die Konsequenzen der Experimente. Doch bis zum Mittagessen fanden diese Diskussionen kein Ende. Mark konnte nicht viel mehr beitragen als die Erfahrungen, die er während der Flüge gesammelt hatte. Es fiel ihm schwer, bei der Konzentration zu bleiben; er war kein Theoretiker. Was ihn beschäftigte, musste ein spürbares Gefühl hinterlassen. Solche Tage waren für ihn nicht das Highlight. Auch am Nachmittag konnte keine Lösung für das Problem gefunden werden, da der führende Mann in der Quantenmechanik nicht abschätzen konnte, ob man die Gondeln auf Quantenebene mit dem Schiff verbinden könnte. Es wurde einstimmig beschlossen, das Projekt auf Eis zu legen. John fügte jedoch hinzu, dass es Ideen für einen Quantenantrieb gebe.
«Das ist ja schön und gut, doch wir wollten der Anomalie nicht entgegenfliegen.»
Intervenierte Mark, um endlich voranzukommen.
«Wir brauchen eine Möglichkeit, innerhalb des Sonnensystems zu reisen.»
Mark sprach die Realität an, dass die Menschen effektiv im System reisen mussten, um eine Verteidigung aufbauen zu können. Dennis erhob sich und verkündete, etwas beitragen zu können. Er präsentierte ein Schiffmodell, das er schon lange in seiner Schublade liegen hatte.
«Ich habe mich von den Magnetschwebebahnen inspirieren lassen – eine sehr lange Röhre, auf der ein Raumschiff mithilfe von Magneten beschleunigt wird. Laut meinen Berechnungen könnten wir damit 269,82 Millionen Kilometern pro Stunde erreichen.»
Die beeindruckende Vorstellung erntete Anerkennung im Raum. Dennis verteilte seine bisherige Ausarbeitung an die Anwesenden und schlug vor, das Schiff Maglev zu nennen. Es wurde geschmunzelt, aber die Bezeichnung war zutreffend – Maglev setzte sich aus Magnet und Levitation zusammen, eine Hommage an die Magnetschwebebahnen. Bis zum Ende der Besprechung war beschlossen, diese Technologie weiterzuentwickeln und so schnell wie möglich zu konstruieren.
Mark war erleichtert, dass das Meeting endlich zu Ende war und freute sich auf das Abendessen in seiner Stammkneipe, zu der er sich direkt im Anschluss begab. Samantha fragte, ob sie ihn begleiten dürfe, doch er winkte ab. Er war froh, die „Eierköpfe“ los zu sein und fürchtete, dass sie ein größeres Interesse an ihm hatte. Mark war jedoch kein Mensch für Beziehungen. Ein einziges Mal hatte er sich darauf eingelassen, aber das war nichts für ihn. Er war ein bekennender Junggeselle und wollte es auch bleiben. Obwohl andere ihn als sehr gesellig und umgänglich beschrieben, genoss er es, für sich allein zu sein und die Zeit mit sich selbst zu verbringen. Die Kneipe, die er gerne aufsuchte, lag am äußeren Rand des Liftgebäudes und bot einen schönen Außenbereich. Von dort aus konnte man abends einen herrlichen Sonnenuntergang beobachten. Mark schätzte auch die Atmosphäre, wenn sich zu später Stunde das Licht des Lifts einschaltete. Doch allzu lange konnte er heute nicht bleiben. Vor dem Wochenende wollte er noch auf die Gerudostation reisen, um die Realizsa einzumotten, wie man in alten Zeiten gesagt hatte. In der einkehrenden Abenddämmerung vertiefte sich Mark in seine Gedanken, während er in der Einsamkeit der Kneipe saß und die Ereignisse des kommenden Tages ordnete. Für den Heimweg entschied er sich, den äußeren Pfad zu wählen und grüßte dabei immer wieder die Menschen, die in ihren Gärten saßen oder ihm auf seinem Weg begegneten. Doch besonders freute er sich auf einen bestimmten Garten, wo jeden Abend zwei Kinder auf ihn warteten. Wie genau diese Tradition begonnen hatte, konnte er sich nicht mehr erinnern, doch stets trug er zwei Bonbons bei sich, die er diesen Kindern schenkte. Mark war nicht abhängig von der Zuneigung anderer Menschen, aber die Vorfreude auf diesen besonderen Weg begleitete ihn stets. So begab er sich oft auf diese Route. Als er schließlich seine Wohnung erreichte, begab er sich direkt ins Bad, um sich auf die Nacht vorzubereiten. Er steckte den Dentalreiniger in seinen Mund und frischte sich auf. Ein leises Piepen signalisierte, dass der Reiniger seine Aufgabe erfüllt hatte.
«Spiel die gute-Nacht-Playlist Piano!»
Befahl er der künstlichen Intelligenz seiner Wohnung, als er sich in sein Bett legte. Mit seinem Einschlafen erlosch schließlich das gedämpfte Licht in seinem Schlafzimmer und der Tag fand für Mark sein Ende.

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