… Samantha Carter

In den Weiten des Alls, am Lagrange-Punkt L5, schwebte eine hundert Kilometer lange Röhre – seit einigen Monaten das Zuhause von Samantha. Die Reisezeit zwischen dieser Maglev-Station und der Erde war schlicht zu lang, um sie täglich zu bewältigen. Vor über zwei Jahren wurde der Entschluss gefasst, diese beeindruckende Konstruktion zu errichten – ein wahres Meisterwerk der Ingenieurskunst. Doch auch der KI gAIa gebührte Dank, denn sie entsandte Maschinen im Voraus, um die Station zu errichten, noch bevor ein Mensch sie betrat. Jeden Abend blickte die blonde Frau sehnsüchtig aus dem Fenster Richtung Erde, doch die strahlende Sonne überwältigte ihre Sicht, und ihr Herz sehnte sich nach der Familie, die sie dort zurückgelassen hatte. Doch nächste Woche würde sie endlich zur Erde zurückkehren können. Heute stand der erste Testlauf der Station an, daher erwachte sie mit freudiger Erwartung, geweckt von der Bord-KI der Station.
Nach ihrer morgendlichen Routine begab sich Samantha zur Messe, um dort ein frühes Mahl einzunehmen. Glücklicherweise waren die Grower vorhanden und sie konnte ein ausgewogenes Frühstück genießen. Währenddessen betrat Dennis Farbien die Messe.
«Guten Morgen, Sam!»
Grüßte er sie. Sam hob nur kurz den Kopf zur Begrüßung, da ihr Mund voll war.
«Wie war deine Nacht?»
Erkundigte er sich.
«Unruhig. Konnte ewig nicht einschlafen.»
Antwortete sie, nachdem sie geschluckt hatte. Dies war für ihn verständlich, denn der bevorstehende Test entschied über ihre Rückkehr zur Erde. Dennis, mit seinen kurzen, schwarzen Haaren, war der Einzige, der mit ihr allein auf der Station verblieben war. Seine Idee, Raumschiffe mit Magneten zu beschleunigen und ihr Fachwissen als Experimentalphysikerin reichten aus, um die Station an der Seite der Maschinen fertigzustellen. Doch die Station bot nicht viel Platz. Obwohl die Röhre hundert Kilometer lang war, betrug ihr Durchmesser lediglich 15 Meter – kaum genug Raum für Quartiere und andere lebensnotwendige Einrichtungen. Die Station befand sich noch in den Anfängen, aber künftig sollten mehr Annehmlichkeiten geboten werden.
Gemeinsam planten sie den Tag beim Frühstück. Dennis würde die Magnetsysteme final überprüfen, während Sam die Testprotokolle startete. Sie begaben sich gemeinsam in einen Raum neben der Messe, wo sich die Steuerzentrale der Station befand. Ein überschaubarer Raum mit einem Bildschirm und zwei Konsolen, die die gesamte Station kontrollierten.
«Die Magnete arbeiten innerhalb der Toleranz.»
Bestätigte Dennis. Sam benötigte etwas länger, um die Protokolle zu starten.
«Okay, ich bin auch soweit.»
Rief sie ihm zurück.
«Freust du dich schon darauf, Walter und die Kinder wiederzusehen?»
Versuchte er, sie von der anstrengenden Arbeit abzulenken.
«Ja, ich habe gestern Abend mit ihm gesprochen. Aber ich war auch über die Auszeit ganz froh.»
Antwortete sie.
«Das kann ich verstehen. Mal weg vom ganzen Trubel.»
Schmunzelte er und beendete seine Arbeit. In diesem Moment signalisierte ein Klingeln einen eingehenden Anruf. Dennis schaltete ihn durch, und Richard Gilmore erschien auf dem Bildschirm.
«Seid gegrüßt, ihr beiden. Wie läuft es da draußen?»
Wollte Richard wissen. Sam beendete ihre Arbeit mit einem Knopfdruck und erklärte: «Wir sind gerade fertig mit den Vorbereitungen. Wir starten wie geplant um 11 Uhr den Test.»
Richard freute sich darüber und bedauerte:
«Sehr gut. Schade, dass ihr heute Abend nicht bei den Feierlichkeiten dabei sein könnt.»
Diese bezogen sich auf die offizielle Integration von gAIa in die Regierung, die als drittes Mitglied des Triumvirats fungieren würde. Die Feierlichkeiten fanden auf der Erde statt und umfassten auch die Wahl der anderen beiden Mitglieder.
«Diese Station ist wichtiger und solch pompöse Festlichkeiten sind eh nichts für uns.»
Versuchte Sam Richard zu beruhigen und sprach auch für Dennis. Dennoch war es ein bedeutendes Ereignis. Doch die beiden waren nicht die einzigen, die dem Spektakel fernblieben. Die meisten Marskolonisten nahmen ebenfalls nicht daran teil, obwohl einige von ihnen extra zur Erde gereist waren.
«Mark wird euch nach erfolgreichem Test am Montag ablösen und den ersten Testflug durchführen», informierte Richard sie.
«Ich würde gerne hier bleiben und mitfliegen.»
Widersprach Dennis und fügte hinzu:
«Es ist schließlich mein Baby.»
«Wie du willst, Dennis. Ich werde es ihm mitteilen. Dann wünsche ich euch gutes Gelingen.»
Beendete Richard den Anruf. In diesem Moment begann Sam eine Aufzeichnung: «Samstag, der 21. Mai 2089. Die erste Testphase ist vorbereitet. Die Magnete arbeiten innerhalb der Toleranz. Die Kondensatoren sind zu hundert Prozent geladen. Starten Test in…»,
unterbrach sie die Aufzeichnung, um auf die Uhr zu schauen.
«… 31 Minuten. Zeit für einen Kaffee»,
ließ sie den Knopf los. Dennis stimmte zu. Eine halbe Stunde später wurde der Test gestartet. Aufgeregt schalteten sie die Spulen ein und die Kondensatoren entluden sich in die Spulen, die in der Röhre verteilt waren. Ein Elektromagnet reihte sich an den anderen. Samantha überwachte den Bildschirm und zählte:
«Wir sind bei zwei Tesla. Bei vier… acht…»
«Sehr schön. Die letzte Spule muss 180 Tesla erreichen, dann haben wir es geschafft»,
jubelte Dennis über den erfolgreichen Verlauf des Tests. Zwei Stunden später erreichte die letzte Spule 180 Tesla. Mit einem zufriedenen Lächeln schaltete Sam die Spulen aus, und beide feierten den Erfolg des Experiments. Die Vorfreude auf Marks geplanten ersten Testflug am Montag erfüllte sie mit Spannung. Für diesen Flug würde er mit dem eigentlichen Raumschiff anreisen, welches jedoch keinen direkten Antrieb besaß. Daher musste es von der Erde zur Station geschleppt werden, wo sich die Station dann in das Raumschiff einfädeln würde – eine bemerkenswerte Kombination aus Magnetschwebebahn und Spacelift.
Obwohl sie sich den restlichen Nachmittag frei nehmen hätten können, gab es hier draußen nicht viele Freizeitaktivitäten. Daher widmeten sie sich stattdessen der Vorbereitung ihrer Abreise am Montag. Doch für den Abend hatten sie etwas Besonderes geplant. Kurz vor dem Abendessen erhielten sie eine Aufzeichnung von der Erde, die sie gemeinsam ansahen. Es handelte sich um eine Übertragung über die Wahlen des Triumvirats und die Festlichkeiten. Auf diese Weise konnten sie zumindest ein kleiner Teil des Ereignisses sein. Hätte Sam sich auf der Erde befunden, hätte sie wie jeden Samstagnachmittag und -abend mit ihren Freundinnen Bogenschießen geübt – eine willkommene Abwechslung zu ihrer Arbeit, obwohl es auch Kraft und Konzentration erforderte.
Nachdem sie die Aufzeichnung zu Ende gesehen hatten, machten sie sich für die Nacht fertig. Mit einem Gefühl der Zufriedenheit und Vorfreude auf die kommenden Ereignisse legten sich Samantha und Dennis zur Ruhe. Die Aufregung über den erfolgreichen Test und die Aussicht auf die bevorstehende Rückkehr zur Erde erfüllte sie mit Optimismus. In der Stille der Nacht lauschte Sam dem sanften Summen der Station und ließ ihre Gedanken in die Ferne schweifen, während sie sich auf ihre Träume vorbereitete. Morgen würde ein neuer Tag anbrechen, voller Herausforderungen und Möglichkeiten. Doch für diesen Augenblick war sie einfach nur dankbar für die Ruhe und Geborgenheit in ihrem kleinen Stück des Universums.

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