Weihnachten auf der Desonia

Tief im Inneren des Labyrinths, wo sonst nur das gedämpfte Summen uralter Technik die Stille durchbrach, lag eine seltsame, fast magische Atmosphäre in der Luft. Die dunklen, metallenen Wände des Labyrinths reflektierten das sanfte, warme Licht der Lampen, während der von Joe mitgebrachte Schnee wie feiner, glitzernder Staub zu Boden rieselte.

In der großen Küche, die vorübergehend zum Zentrum ihrer bescheidenen Weihnachtsfeier geworden war, hatte sich eine ungewöhnliche Gesellschaft zusammengefunden. Der Duft von Zimt und Nelken vermischte sich mit dem süßen Aroma heißer Schokolade und dem würzigen Hauch der Tannengirlanden, die Gelina mit akribischer Sorgfalt dekoriert hatte. Sie saß eingehüllt in eine warme Decke und lächelte zufrieden, während Pascal und Elvira sich am großen Holztisch niedergelassen hatten.

Manfred, der ältere Schriftsteller, betrachtete die kleine Runde mit einem nachdenklichen Ausdruck. Die Bilder vergangener Zeiten schienen vor seinem inneren Auge zu flackern, Erinnerungen an längst vergangene Tage und an eine Geschichte, die er einst für seine Tochter geschrieben hatte. Schließlich erhob er sich mit einem sanften Klopfen auf den Tisch und sprach: «Kommt her, Kinder. Ich möchte euch eine Wintergeschichte erzählen, die ich vor vielen Jahren für meine Tochter geschrieben habe.»

Die Zeit schien in diesem Moment stillzustehen. Die endlosen Geheimnisse und Gefahren der Welt draußen schienen für einen kostbaren Augenblick in Vergessenheit geraten zu sein. Alle Augen richteten sich erwartungsvoll auf Manfred, als er sich räusperte und mit warmer, lebendiger Stimme zu sprechen begann. Seine Worte erfüllten die Küche, ließen die düstere Enge des Labyrinths vergessen und trugen die Zuhörer fort, in eine Welt aus Schnee, Wunder und kindlicher Unschuld:

Flöckchens große Reise

Emilia saß am Fenster und drückte ihre Nase gegen die Scheibe, um den Schnee draußen zu beobachten. Papa bemerkte dies und kam zu ihr.

«Na, Emilia, was treibst du denn da?»

Fragte er sie. Emilia antwortete ihm:

«Ich schaue dem Schnee draußen zu. Woher kommt eigentlich der Schnee, Papa?»

Er setzte sich zu Emilia ans Fenster und begann zu erzählen:

«Es war einmal hoch oben in den Wolken. Dort wurde eine Schneeflocke geboren. Flöckchen war anfangs genauso winzig wie du. Sie wuchs und wuchs, bis sie zu schwer wurde. Langsam sank sie aus der Wolke herab und schwebte Richtung Erde. In der Wolke hatte sie viele Freunde gefunden, aber nicht alle waren schwer genug, um mit ihr hinab zufallen. Obwohl Flöckchen traurig war, sich von einigen Freunden verabschieden zu müssen, wusste sie, dass sie neue Freunde finden würde.»

«So wie als wir umgezogen sind?»

Rief Emilia aus. Papa stimmte zu und fuhr fort:

«Genau! Flöckchen war nun auf dem Weg zur Erde. Der Wind trug sie hin und her, und so tanzte sie mit ihren Freunden im Wind. Als sie einen Wald am Boden sah, fragte sie sich, was sie dort wohl erwarten würde. Sie hielt sich fest an ihren Freunden, und sie landeten schließlich auf einem Ast eines Baumes. Endlich war es ruhig. Flöckchen und ihre Freunde tanzten auf dem Ast. Dann kamen plötzlich andere Schneeflocken, sogar ein guter alter Freund von Flöckchen. Sie dachte schon, dass sie sich nie wiedersehen würden, aber der Wind hatte sie wieder zusammengeführt. So ist das im Leben. Manchmal verliert man sich aus den Augen, aber man kann sich auch wiederfinden.»

Papa erklärte Emilia das alles, und gerade als Mama zum Essen rief – es roch bereits herrlich im ganzen Haus –, versprach Papa, ihr die Geschichte fertig zu erzählen, wenn sie ins Bett ging. Emilia konnte es kaum erwarten, die Geschichte weiter zuhören, und freute sich schon auf die Schlafenszeit.

Nach dem Essen eilte Emilia ins Badezimmer, um sich schnell die Zähne zu putzen und bald ins Bett zu kommen. Sie saß auf ihrem Bett und rief ungeduldig nach Papa.

«Ja, Emilia, ich komme schon,» beruhigte er sie und setzte sich zu ihr ans Bett. Er deckte sie zu und fragte:

«Wo war ich stehen geblieben?»

Emilia hob den Zeigefinger und sagte:

«Flöckchen saß auf dem Ast.»

«Ach ja, richtig. Flöckchen tanzte mit ihren Freunden auf dem Ast, und immer mehr Flocken kamen dazu. Flöckchen hatte nun ganz viele Freunde, mehr als jemals in der Wolke. So viele hätte sie oben nie haben können bei dem starken Wind. Doch plötzlich kam ein Windstoß, und Flöckchen wurde davongetragen. Wieder musste sie ein paar Freunde zurücklassen. Sie winkte ihnen zum Abschied und wusste, dass sie sich wiedersehen würden. Mit einigen ihrer Freunde wurde sie durch die Luft getragen. Sie hielten sich fest, um sich nicht zu verlieren.»

Papa zeigte zum Fenster:

«Schau, dort fliegt gerade Flöckchen mit ihren Freunden vorbei.»

Emilia schaute aus dem Fenster und sah Schneeflocken vorbeifliegen. Sie winkte den Flocken nach:

«Gute Reise, Flöckchen.»

Papa kicherte und deckte Emilia wieder zu:

«Flöckchen und ihre Freunde schwebten durch die Luft und landeten schließlich auf einer Wiese. Zwischen den Grashalmen machten sie es sich gemütlich. Flöckchen war nun schon richtig groß geworden. Alte Freunde kamen wieder zu ihr. Sie war froh, sie wieder zu sehen, und hier zwischen dem Gras konnte sie nicht mehr davon wehen. So tanzte Flöckchen im Gras mit ihren Freunden, und sie tanzten glücklich bis zum Frühling.»

Papa bemerkte, wie Emilia große Augen bekam. Er streichelte ihr durch die Haare und tröstete sie:

«Keine Sorge, Flöckchen wird als Wasser aufsteigen, um im nächsten Winter wieder in den Wolken geboren zu werden. Das ist der Kreislauf des Lebens.»

Emilia war beruhigt und träumte von Flöckchen, wie sie tanzend durch die Luft schwebte, nachdem sie eingeschlafen war.

Als Manfred seine Erzählung beendet hatte, senkte sich eine ehrfurchtsvolle Stille über die Runde. Gelina, die während der Geschichte völlig vergessen hatte, ihre heiße Schokolade auch nur anzurühren, ließ ihren Blick verträumt zu den tanzenden Schneeflocken schweifen, die durch die offene Tür zum Gang sichtbar waren. Es war, als ob jede Flocke ein eigenes Geheimnis mit sich trug. Pascal, sonst ein Kind weniger Worte, lächelte sacht, während in seinen Gedanken Erinnerungen an Kindheitstage im Schnee aufstiegen, so lebendig wie ein längst vergessenes Märchen.

Leise erhob sich Gelina, schob den Stuhl zurück und trat zur Tür. Dort verharrte sie, ihre Augen auf den wirbelnden Schnee gerichtet, als ob sie eine Antwort suchte. «Das war eine wirklich zauberhafte Geschichte»,

sagte sie schließlich, fast flüsternd.

«Ob Flöckchen auch hier ist?»

Dean trat in diesem Moment ein, ein Tablett voller dampfender Tassen balancierend. Mit einem verschmitzten Grinsen in den Mundwinkeln erwiderte er: «Nun, ohne ein Quäntchen Magie wäre das Leben doch furchtbar eintönig, nicht wahr?»

Er deutete mit einem Kopfnicken auf den Schnee, den Joe von seiner letzten Expedition mitgebracht hatte, ein Relikt aus einer anderen Welt.

«Auf Geschichten!»,

sagte Joe, dessen rundes Gesicht im Schein des Lichts ernst, aber zufrieden wirkte. Er hob seine Tasse in einer fast feierlichen Geste. «Auf Flöckchen»,

fügte Gelina mit einem Lächeln hinzu, das ihre Augen zum Strahlen brachte. «Und auf Weihnachten im Labyrinth»,

schloss Ilse, ihre Stimme fest und dennoch warm.

Für einen Augenblick schien die Zeit den Atem anzuhalten. Die Stimmen verklangen, und nur das leise Flüstern des Schnees, der draußen unablässig tanzte, drang in den Raum. Ein Moment der Normalität – kostbar und rein – erfüllte die Herzen der Anwesenden.

So feierten unsere Freunde Weihnachten auf der Desonia, ein Fest der Geschichten, der Wunder und des unerschütterlichen Zusammenhalts, der selbst in den Tiefen des Labyrinths Trost spendete.


Hier findet ihr die Geschichte als Hörbuch:

Weltentempel – Weihnachtsspezial

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